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UI/UX: Muss meine Oma Snapchat verstehen?

Wir Designer rufen uns folgenden Grundsatz immer wieder in Erinnerung: Gestalte so, dass es absolut JEDER versteht. Das macht an sich auch Sinn, um Frustration zu vermeiden und eine hohe Usability anzustreben. Wir zeigen, wann es sich lohnt, auszubrechen.

 

Eine Mischung aus Erfahrungswissen und geringer Hemmschwelle  

 

Wir haben am Computer vieles erlernt. Das reicht vom Bedienen der Maus und Tastatur über das Interpretieren von Piktogrammen bis hin zur Navigation innerhalb von Programmen und Webseiten. Ein „trainierter“ Nutzer kann sein angelerntes Wissen auf Neues übertragen und hat eine geringere Hemmschwelle, etwas auszuprobieren. Wer mit der Technik nicht aufgewachsen ist oder nicht regelmäßig damit arbeitet, hat große Probleme, sich intuitiv zurechtzufinden 

 

Neue Anforderungen durch immer einfachere Devices 

 

Beim Smartphone (ebenso Tablet, Smartwatch & Co) ist das besonders tricky. Da das Display nicht viel Patz hergibt, navigiert man nochmal deutlich mehr über Scrollen, Swipen, Menüs, Overlays oder Icons. Außerdem ist keine Navigation über Tastatur und Maus gegeben (zum Beispiel Hoverfunktion), die Steuerung geht fast ausschließlich über die Finger, neuere Smartphone-Modelle verzichten zunehmend auf Tasten, der Home-Button ist ausgestorben. Dafür ist die Gestensteuerung mittlerweile aber sehr vielfältig.

Der Großteil der Nutzer kommt durch seine Erfahrungen zurecht. So wird im User Interface oft auf Hinweise für Interaktionsmöglichkeiten verzichtet, die ersichtlich sind. Ein Beispiel: Der Nutzer erhält einen kleinen QR-Code. Für den Scanner an der Kasse muss er diesen deutlich größer vorzeigen. Nun könnte man ein Lupen-Icon oder einen textlichen Hinweis anbringen. In unserem Best Case tippt der Nutzer aber intuitiv bzw. aufgrund seiner Vermutung einfach auf den QR-Code. Daraufhin wird dieser im Vollbildmodus dargestellt.  

 

Usability: kontext- und nutzerbezogen gestalten

 

Aber schaffe ich dadurch nicht Frustration bei den Nutzern, die unerfahren sind? Das lässt sich nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. Ich muss zunächst meine Zielgruppe im Blick haben – wie alt sind meine Nutzer? Wie aktiv sind sie am Smartphone? Wenn man eine Anwendung entwickelt, die sich an durchschnittliche Smartphone-Nutzer richtet, sollte man sich größtenteils auf diese Erfahrungen verlassen. Denn es verschafft den Vorteil, dass das Design aufgeräumter ist und sich auf das Wesentliche beschränkt.  

Neue Interaktionen brauchen natürlich ihre Zeit, sich durchzusetzen. Daher sollte man den Nutzer nicht mit zu viel Neuem überfordern. Wichtig auch: sich an bisherige Grundregeln halten. Zum Beispiel übliche Scroll-Richtungen oder Platzierungen (wie Schließen, Zurück oder Suche) möglichst beibehalten.  

 

Learning by doing: Snapchat macht's vor

 

Ein Beispiel für starkes Abweichen von gewohnter Benutzerführung ist Snapchat. Die Navigation durch die App ist beim ersten Mal recht ungewohnt. Zwar hat man unten drei Bereiche, doch die Navigation soll zu 100% über Swipen funktionieren. Und das nicht nur nach links und rechts – auch nach oben und unten, z. B., um zur Snapmap zu gelangen. Dies ist nicht ersichtlich und muss entdeckt werden. Auch in der Kamera funktioniert die Auswahl der Filter über Swipen nach links und rechts.

Das macht Sinn und schafft insgesamt eine gute User Experience, weil es zur Zielgruppe passt: junge Digital Natives – viel am Smartphone, experimentell, kurzweilig. Das Risiko, dass ein Nutzer nicht alle Funktionen erfasst, kann man hinnehmen – denn er wird von ihnen sicherlich durch seine Freunde erfahren. Dahinter wurde sogar die Absicht vermutet, ältere Nutzer auszuschließen und Exklusivität zu generieren. Andererseits ist anzumerken: Snapchat arbeitet gerade an einem Redesign, bei dem es dann doch eine gewöhnliche Tabbar geben wird. Grund dafür ist wohl, dass man die Zielgruppe ausbauen möchte.

 

Die User Experience im Blick

 

Tatsächlich ist es die Aufgabe der Designer, den Nutzer mit der Zeit zu „erziehen“, denn nur so entwickeln sich Anwendungen weiter und werden effizienter. Für den Großteil der (jüngeren) Nutzer ist es auch nicht unbedingt frustrierend, wenn sie etwas nicht auf Anhieb deuten können. Wir sind es gewohnt, uns schnell durch etwas durchzuklicken und haben eine sehr geringe Hemmschwelle. Das macht meistens mehr Spaß, als erst mal eine lange Einleitung zu lesen.  

Natürlich kommt man nicht immer ohne Erklärung aus. Doch diese sollte kurz und am besten spannend aufbereitet sein und den Nutzer am besten direkt durch die Anwendung führen. Denn mal ehrlich – wie oft überspringen wir Tutorials? Wie oft liest man heute noch eine Bedienungsanleitung durch, wenn man sich ein neues Gerät kauft?